Romantik auf Knopfdruck – wozu das denn?

 

Am 14. Februar ist Valentingstag. Und dies ist ein Liebesbrief an alle, die sich unter Druck gesetzt fühlen und denen eigene Geschichten lieber sind als Rosen von der Tanke.

Liebe Leser*innen,

am Valentinstag sind wir alle mal romantisch. Rote Rosen, Fünf-Gänge-Menüs mit Sonnenuntergang, gestellte Zungenküsse, Blütenblätter, die aus Hubschraubern gekippt werden, schmalzige Melodien, auf Felder gemähte Herzen, Moschuskerzen, Liebesschlösser an Brücken, selbstgeschriebene Gedichte mit schiefen Reimen… Nicht?

Kreisverkehr und Radiohead

Als ich so Anfang zwanzig war, da machte ich, wenn ich jemanden in einer Tanznacht kennenlernte, den „Kreisel-Test“. Ich setze also diesen Menschen in den Kleinstwagen und dann fuhren wir durch die Nacht in Richtung Kreisverkehr, der die Autobahn von der Innenstadt trennte.

Er war riesig, dieser Kreisverkehr, als gehöre er zu einer Großstadt und nicht zu dieser Student*innenstadt, in der nachts um 3 nichts mehr los war – erst recht nicht hier draußen am Kreisverkehr. Ich hatte alles vorbereitet, stand in der Einfahrt, neben mir der fremde Mensch, und dann drückte ich gleichzeitig aufs Gaspedal und auf Play: 2+2=5 von Radiohead. Sehr laut.

Ich fuhr erst in gemäßigtem Tempo im Kreis, immer im Kreis. Dann, ab der Hälfte, wird der Song schneller und auch ich fuhr schneller und immer weiter im Kreis. Der Kleinwagen lag gefühlt nur noch auf zwei Reifen und schleuderte wie in der Waschtrommel unterm Sternenhimmel in der niedersächsischen Provinz. Mit dem letzten Ton stieg ich in die Bremse und brachte den Wagen auf einem Acker zum Stehen.

Langsam drehte ich meinen Kopf und sah dem fremden Menschen ins Gesicht: Wenn er lachte und irgendwelche gutartigen Geräusche machte, war ich augenblicklich verknallt. Wenn er ausstieg und weglief, mir einen Vogel zeigte oder die Polizei rufen wollte, dann fuhr ich allein zurück zur Party … oder nach Hause.

Pure Romantik

All das war für mich, wenn man so will, pure Romantik. Ist es bis heute. Und ich glaube, dass Jede*r so eine Geschichte hat. Und dass ständig Geschichten dazukommen. Und dass Schablonen wie so ein Valentinstag, der jedes Jahr zur selben Zeit dafür sorgt, dass unzählige Menschen diese eine Frage stellen – „Hast du vergessen, was für ein Tag heute ist?“ – ganz und gar unnötig sind. Mehr noch: Sie reduzieren unsere eigenen Geschichten. Sie sind wie unpersönliche Geschenkekörbe statt eigener Ideen.

Die Erwartungen, die wir an uns selbst und die anderen stellen, sind doch eh schon groß genug. Warum dann noch so ein Plastiktag, der mit der eigenen Geschichte null zu tun hat und by the way die Umwelt einmal mehr reinreitet, weil im letzten Moment noch die traurigen Cellophantütenblumen aus der Tanke von einem gequälten Lächeln ans andere gequälte Lächeln übergeben werden?

 

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