„Echte und ehrliche Mamas“ auf Instagram: Die zerstörerische Kraft des Mythos Mutterliebe

Der Instagram-Account „Echte Mamas Sprüche“ behauptet von sich, ehrlich und humorvoll über das Muttersein zu schreiben. Unsere Autorin sieht darin etwas anderes – nämlich eine zerstörerische Instrumentalisierung, die Frauen in traditionelle Rollen drängt.

Jede*n Reiseveranstalter*in hätte man längst verklagt. Täuschung! Entschädigung! Ein Schwindel! Null Sterne in der Bewertung hätte man vergeben und das Unternehmen aufs Bitterste verurteilt. Wenn es ums eigene Recht und Gerechtigkeit geht, sind wir ja schnell dabei. Erstaunlich also, wie vehement wir gemeinschaftlich an etwas festhalten, das uns seit Jahrzehnten täuscht – ein Fake sondergleichen: die Mär der Mutterliebe. Auch ich habe sie erwartet. Was kam, war die Realität. Es ist wie der erste Blick aufs gebuchte Hotel: Bagger vor dem Fenster, Fluglärm, Kakerlaken – so habe ich mir das nicht vorgestellt.

Dabei sah das im Internet doch alles so schön aus: 115.000 Follower*innen können nicht irren – „Echtemamassprueche“, von drei ehemaligen Verlagsangestellten in Elternzeit gegründet, erreicht Hunderttausende und bläut uns Tag für Tag gebetsmühlenartig ein, wie wir uns als Mütter zu fühlen haben. Die müssen es wissen – von Müttern, für Mütter.

Ein Kinderlachen – mehr braucht es nicht?

„Du kannst noch so schlecht drauf sein: Wenn dein Kind lacht, ist die Welt in Ordnung.“ Gut, dass das so einfach geht. Ich brauche ja sonst nichts? Offenbar nicht. Ich finde: eine fragwürdige Entschädigung für das, was Mütter tagtäglich leisten. Arbeiten, einkaufen, Kinder holen, Hausaufgaben, Spieledates, Kochen, Haushalt – wahrscheinlich ist auch noch der Kanarienvogel eingegangen und man hat den Zahnarzttermin vergessen – nein, es ist nichts in Ordnung, es ist scheiß anstrengend.

„Zu behaupten, ein Kinderlachen würde Probleme in Luft auflösen, ist nicht nur naiv, es ist schädlich! Denn es verbietet uns, die Welt auch mit Kinderlachen nicht in Ordnung zu finden.“

Und ich rede hier nur von den Aufgaben, die die Kinder betreffen – nicht die Beziehung, nicht die Freund*innen und Hobbys, nicht mich als Frau. Und dafür sehe ich keinen Cent. Ich bin „noch so schlecht drauf“ – das kann man wohl sagen. Zu behaupten, ein Kinderlachen würde Probleme in Luft auflösen, ist nicht nur naiv, es ist schädlich! Denn es verbietet uns, die Welt auch mit Kinderlachen nicht in Ordnung zu finden. Es erstickt Kritik im Keim und trifft uns auf einer Ebene, die besonders wehtut: der emotionalen. Wir fühlen uns im permanenten Versagerinnen-Modus. Denn es wird aus all jenen eine schlechte Mutter gemacht, die vor Überlastung gar nichts mehr richtig schön findenn und die es obendrein nicht fühlen, was andere angeblich fühlen – die echten Mamis.

Und so leisten wir diese Arbeit weiterhin. Arbeit, für die viele Frauen auf ihre Gesundheit, Verwirklichung und finanzielle Absicherung verzichten. Ein müdes Lächeln habe ich dafür übrig – Strapazen kann man nicht weglächeln, soll man auch nicht. Verkauft wird uns hier aber die Mehrfachbelastung als Herzensangelegenheit – ein Lächeln reicht. Nicht. 2.861 Likes.

Der Vater – der Könner, der Macher

„Mein Papa kann alles. Aber meine Mama macht alles.“, eine lächelnde Mutter blickt ihrer Tochter in die Augen. Das ist das Bild zu diesem Spruch. Als wüsste diese Mutter schon genau, dass eben jener Satz kein Stück an Aktualität eingebüßt haben wird, wenn ihre Tochter irgendwann Mutter sein wird. Zumindest nicht, wenn wir genau so weitermachen. Der Vater – der Könner, der Macher, das Allround-Genie der Familie – scheint sich für die niederen Tätigkeiten zu schade.  Richtig, das männliche Multitalent verschwendet seine Ressourcen wohl nur bei den wirklich anspruchsvollen Aufgaben außer Haus, den Kram zuhause erledigt standesgemäß also die, die eh nichts kann: die Mutter. Und dann natürlich alles. Macht sie ja gerne. Sie kümmert sich halt gern und weil es schon immer so war. Ironie aus. Zu wessen Lasten die Arbeitsverteilung hier gepredigt wird, brauche ich wohl kaum zu sagen. Es ist ein Rollenbild aus dem vergangenen Jahrhundert.

„Und dann gucke ich dich an und weiß nicht wohin mit meiner ganzen Liebe.“, die ganze Liebe. Die Mutterliebe. Selbstverständlich größer als alles andere. Der beste Trip auf Ecstasy – fad dagegen. Und selbstverständlich selbstverständlich. So wie bei einem Thermomixrezept: Eier, Mehl und Zucker rein, Kuchen raus. Applaus. Jeder hat’s erwartet, allen schmeckt’s. Im Kreißsaal funktioniert das ähnlich: Frau rein, Mutter raus. Jeder hat’s erwartet. Nach acht Stunden im warmen Kreißbett ist sie ganz und gar fertig.

Zur Sicherheit das Gratis-Topping für jede: eine dicke Glasur Prototyp Mutter, vollgepumpt mit zuckersüßer Liebe, Mutterliebe. Und mit dieser Liebe einhergehend sind wir bereit, die eigenen Bedürfnisse hinter die anderer zu stellen. Stress zu vergessen, Altersarmut zu verdrängen, auf Wünsche zu verzichten. Das Wohl der Familie ist Frauensache. Herzensangelegenheit, weswegen wir gratis im Haushalt arbeiten, Ansprüche hinter die der Familie stellen, im Job kürzer treten – der Liebe wegen. 4.087 Likes.

Das Bild der unersetzlichen Mutter wird zementiert

So schön positive Gefühle gegenüber den eigenen Kindern sein können, so pervers ist ihre Instrumentalisierung, die aus einem ganz einfachen Grund geschieht: Sie bindet Frauen emotional und physisch sowohl an ihre Kinder, als auch an alles, was an Erziehung, Fürsorge und Aufopferung mit ihnen zusammenhängt. Sie verhindert damit eine gleichberechtigte Verteilung der Lasten auf beide/mehrere Schultern und nützt, wie so oft, jenen, die ohnehin schon im Vorteil sind: den Männern. Das Bild der unersetzlichen Mutter zwingt Frauen mit einer Radikalität in die klassische Mutterrolle, die sie auch durch eine 50:50-Aufteilung, wie sie in manchen vermeintlich modernen Familien angestrebt wird, nicht aufgelöst werden kann.

Denn selbst wenn Väter häusliche Pflichten übernehmen, bleiben es die Mütter, die durch das Märchen der alles in den Schatten stellenden Mutterliebe stets nur mit einem schlechten Gewissen, unter schiefen Blicken und in einer ständigen Rechtfertigungshaltung Bedürfnissen Raum geben können. Denn, so sagt es „Echtemamassprueche“: „Kinder halten uns nicht vom Wichtigsten ab. Sie sind das Wichtigste.“, wer das anders sieht, ist eine Rabenmutter. Da haben sie uns wieder.

 

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